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OpernmusikDie große Tonhöhen-Inflation

Jedes Orchester folgt einem Grundton. Je höher er angestimmt wird, desto brillanter klingen die Instrumente — und desto schwieriger wird es für die Sänger. Die Geschichte des jahrhundertelangen Kampfes um die Frequenz, mit der die Herzen der Opernhäuser schlagen.

Eine erwartungsvolle Stimmung liegt in der Luft, wenn man ein Opernhaus betritt. Die einen kommen schon früh und lassen die Sektgläser klirren, andere eilen in letzter Minute hinein, vorbei an denjenigen, die darauf hoffen, noch eine Eintrittskarte zu ergattern. Wenn sich schließlich alle zu ihren Plätzen begeben, schlägt ihnen eine wilde Kakofonie entgegen: Die rund 100 Orchestermitglieder nutzen die Gelegenheit, ein letztes Mal Tonleitern zu spielen oder eine besonders schwierige Passage zu üben. Die Spannung ist fast körperlich spürbar, während sich Solisten und Chor, Dirigent und Orchester, Souffleure, Techniker und Inspizienten darauf vorbereiten, dass der Vorhang sich öffnet.

Und dann — plötzlich — absolute Stille. Bis der erste Oboist seine Lippen an das Rohrblatt legt. Wie bei einer Schlangenbeschwörung scheint der klare, durchdringende Ton der Oboe die anderen Orchestermusiker in ihren Bann zu ziehen. Ohne ein Wort nehmen sie ihre Instrumente in die Hand und stimmen in das eintönige Lied ein: „A“.

Es ist ein Ritual, das es in dieser Form seit dem 16. Jahrhundert gibt, als die frühen Meister des Barock den Boden für moderne Orchester- und Opernmusik bereiteten. Und doch erklang selbst in diesem musikalischen Zeitalter, das sich durch eine geordnete Entwicklung tonaler Harmonie auszeichnete, bald eine frappierende Dissonanz zwischen Sängern und Instrumentalisten — denn welche Frequenz sollte der Stimmton A überhaupt haben?

Die Tonhöhe ist eine akustische Wahrnehmung, bei der die Noten der Tonleiter anhand ihrer Schwingungen pro Sekunde (Hertz) bestimmt werden. Im Gegensatz zur Frequenz in der Physik, die eine pragmatische wissenschaftliche Größe auf der Grundlage von Wellenlängen ist, ist die Tonhöhe das Ergebnis dessen, was wir hören, und kann daher äußerst subjektiv sein. Ähnlich der wirtschaftlichen Inflation steigt und fällt der Stimmton zudem mit der jeweiligen Nachfrage.

So verändert sich die Tonhöhe tendenziell in Zeiten, in denen die Instrumentalmusik im Verhältnis zum Gesang in den Vordergrund tritt; was daran liegt, dass Streichinstrumente, die auf eine höhere Frequenz gestimmt werden, durch die stärkere Spannung der Saiten einen klareren, brillanteren Klang erzeugen. Die menschliche Stimme hingegen ist besser für einen tieferen Stimmton geeignet.

Dieses Dilemma führte schon früh zu heftigen Verwerfungen. So schwankte der Kammerton A im Barock zwischen 392 Hertz (A392) und 440 Hertz (A440), ein Unterschied von fast einem ganzen Ton. Dies veranlasste Michael Praetorius, einen berühmten deutschen Komponisten und Musikwissenschaftler seiner Zeit, zu der Bemerkung, dass „die Stimmhöhen so hoch sind, dass die Stimmen der Sänger erheblichen Belastungen ausgesetzt sind“.

Die Klassik hingegen verlief ohne inflationäre Stimmhöhen. Um die Ästhetik der klassischen Antike nachzubilden, wurde der Stimmton im Allgemeinen anhand der pythagoreischen Sexte berechnet. In mathematischer Reinheit wurde der Stimmton bei C = 256 (A432) angesetzt, in einem binären System, in dem das C bis hinunter zu einem Hertz einen ganzzahligen Wert hat. Der tiefere Stimmton ging einher mit dem Aufstieg der Sänger, da Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven in der Lage waren, die Klangfarben und -nuancen der verschiedenen natürlichen Stimmregister optimal einzusetzen.

Als die Romantik jedoch die Klassik ablöste, nahm die Entwicklung des Stimmtons eine dramatische Wendung. Auf dem Wiener Kongress forderte Zar Alexander 1815 einen helleren Klang und setzte damit eine wahre Tonhöheninflation in Gang. Die gekrönten Häupter Europas griffen Alexanders Gedanken ohne große Gegenwehr auf; möglicherweise, um einen Feldherrn zu besänftigen, der über eine 450.000 Mann starke Truppe verfügte und für sich in Anspruch nahm, König von Polen, Preußen und Sachsen zu werden. Während klassische Musiker noch Widerstand leisteten, begann die neue romantische Schule unter der Federführung von Franz Liszt und seinem Schwiegersohn Richard Wagner, den Stimmton weiter nach oben zu treiben, bis die Stimmhöhe an den großen europäischen Theatern 1850 schließlich zwischen A420 und A460 lag.

256 Hertz. Der Legende nach entdeckte Pythagoras vor gut 2.500 Jahren den Wohlklang von Hämmern, die in einem ganzzahligen Gewichtsverhältnis zueinander standen — und erfand so am Amboss die Musiktheorie. Spätere Versuche, den Stimmton in pythagoreischer, also mathematischer Reinheit auf C = 256 Hertz (und damit A = 432 Hertz) festzulegen, sind jedoch gescheitert.

Das Problem scheint unter Sängern so heiß diskutiert worden zu sein, dass ein Komitee von Komponisten unter Gioachino Rossini die erste Standardisierung der Stimmhöhe in der Moderne verlangte. Am 16. Februar 1859 wurde der „diapason normal“ auf A435 festgelegt. Binnen 20 Jahren trieb die Inflation die Stimmhöhe jedoch wieder bis auf A460, was Giuseppe Verdi zu der Klage bewegte, dass das, „was wir in Rom ein A nennen, in Paris tatsächlich ein B ist“. Um der grassierenden Veränderungssucht Herr zu werden, verabschiedete Italiens Parlament ein Gesetz, das die Rückkehr zu den klassischen Wurzeln mit C = 256 besiegelte. Auch wenn Verdis Stimmhöhe nie internationaler Standard wurde, blieb der Stimmton mit A432 bis 435 nun bis zum Zweiten Weltkrieg relativ konstant.

Die klassische Musik des 20. Jahrhunderts spiegelt ein durch immensen Wandel gekennzeichnetes Zeitalter wider. Das Gleichgewicht der Weltmächte hatte sich verschoben, der rasante technologische Fortschritt machte das Leben zu einem fortwährenden Experiment, und auch die Komponisten lösten sich von der traditionellen Tonalität. Trotzdem kam es noch in den Jahren 1939, 1953 und 1971 zu Bemühungen, den Kammerton auf A440 zu standardisieren, möglicherweise als Reaktion auf eine „verrückt“ gewordene Welt. Doch der Versuch sollte misslingen.

Heute stellt das Jet-Zeitalter ganz neue Anforderungen an die Sänger. Längst reisen sie nicht mehr in Begleitung ihrer eigenen Pianisten per Schiff von den Vereinigten Staaten nach Europa und Südamerika. Sie singen heute in Berlin, morgen in New York und übermorgen in Paris. Statt einer „richtigen“ Bühnenprobe gehen sie ihre Rolle kurz vor der Vorstellung noch schnell auf der Bühne durch. Und wenn Rodolfos hohes C in „La Bohème“ in Chicago vielleicht auf A440 gestimmt ist, ist das gleiche hohe C mit A444 und mehr in Deutschland viel höher. Manche Opernhäuser transponieren die Arie daher einen Halbton tiefer.

Genauso dramatisch, wie sich die Innovationen in der Musik des 20. Jahrhunderts gestalteten, so rasant war der Wandel in der Aufnahmetechnik. Was als mechanische Vorrichtung begann, mit der die berühmten Worte „Mary had a little lamb“ erfasst wurden, entwickelte sich zu einer Unterstützung für Tontechniker. Es gab ihnen digitale Hilfsmittel an die Hand, um das Gespenst der Stimmtoninflation zu vertreiben und die Debatte um den Kammerton möglicherweise ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Mikrofone wie das neue Sennheiser MKH 8090, ein Kondensatormikrofon mit breiter Nierencharakteristik und einem Klang, der zu „glänzen“ scheint, können einem Orchester den brillanten Klang verleihen, den es verlangt — auf einer Tonhöhe, die auch Sängern das Leben leichter macht.

Die Autorin

Als Cellistin, Waldhornistin und lyrischdramatische Sopranistin kennt Marilee Williams beide Seiten der Debatte um die Inflation des Stimmtons. Mit zwei Musikdiplomen von der Universität Wien hat Marilee Rollen wie die der Gräfin in „Figaros Hochzeit“ am Festspielhaus Bregenz, die der Hanna Glawari in der „Lustigen Witwe“ in den Opernhäusern von Antwerpen und Gent sowie die Titelrolle der „Ariadne“ in Italien und Hamburg gespielt. Heute arbeitet sie als Journalistin und gibt immer noch Gesangsvorträge. Zusätzlich zu ihren eigenen Beiträgen übersetzt sie alle für dieses Magazin verfassten Texte ins Englische, einschließlich der Ausgabe 2010, ausgezeichnet mit dem Grand Prize „Best Writing“ der 2012 Mercury Awards.

Der Illustrator

James Dawe, unser Illustrator des Artikels über die Inflation des Stimmtons, nimmt Elemente aus dem normalen Alltag und verwandelt sie in etwas Surreales und Fantastisches. Er wurde in London geboren, wo er heute als Künstler und Werbegrafiker arbeitet und sich überwiegend mit Fotocollagen und digitaler Bearbeitung beschäftigt. In dem lichtdurchfluteten, offenen Studio, das er mit anderen gleichgesinnten Kreativen teilt, finden zuweilen auch „artfremde“ Tätigkeiten statt — beispielsweise Bierbrauen. Abgesehen davon ist James um ein Gleichgewicht zwischen seinen redaktionellen und kommerziellen Aufträgen für klangvolle Namen wie Nike, Network Rail, Bloomberg und Der Spiegel sowie seinen persönlichen Arbeiten bemüht. Ein immer wiederkehrendes Thema seiner Arbeiten ist die Verzerrung von Porträts.

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