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Unterwasser-HitsEinsame Sänger im Atlantik

In den Tiefen der See stoßen Wale tieffrequente Rufe aus, die sich über ein halbes Ozeanbecken ausbreiten können. Der britische Biologe Oliver Boisseau befährt die Weltmeere, um die wundersamen Laute zu orten – im Dienste des Tierschutzes.

Es mag schaurig geklungen haben, damals vor 200 oder 400 Jahren, als die Seeleute müde und betrunken vom Rum im Schiffsbauch lagen. Wenn die Planken knirschten und der Wind durch die Ritzen pfiff. Und sie dann diese Gesänge hörten. Von irgendwo dort unten aus den Tiefen des schwarzen Ozeans hallten sie klagend und stöhnend herauf, wie aus ganz mächtigen Resonanzkörpern. Nur eine Erklärung konnte es dafür geben: Es sind die toten Seeleute, die am Meeresgrund ihre Klagelieder singen. Die waren schon schaurig, in manchen Nächten kaum auszuhalten, aber noch gefährlicher waren diese Klopfgeräusche. Jene Geister nämlich wollten mehr als nur klagen und Gänsehaut verursachen. Die klopften das Schiff ab. Und wollten hinein.

Schreien, Flöten, Winseln und Grunzen – Buckelwale singen ihre Lieder in Strophen aus vielfältigen Lauten

Schreien, Flöten, Winseln und Grunzen – Buckelwale singen ihre Lieder in Strophen aus vielfältigen Lauten

Der englische Meeresbiologe Oliver Boisseau, 36, sieht eigentlich sehr brav aus mit der ovalen Nickelbrille und der praktischen Allerweltsfrisur. Aber er erzählt diese alten Gruselgeschichten gerne, denn sie illustrieren so schön das Unverständnis und Unwissen über seine Lieblingstiere, das so lange vorherrschte. Denn erst in 1930er-Jahren, als erstmals Delfine in den Aquarien von Zoos ausgestellt wurden, begann man, die Meeressäuger zu beobachten. Weitere zehn, 20 Jahre dauerte es, bis sich langsam auch die Wissenschaft ins Thema eingearbeitet hatte.

Und erst vor gut 40 Jahren fing man an, die Geräusche der Wale zu analysieren. Man begriff, dass die Klagelaute der Seemannsleichen eigentlich poetische Gesänge sind, mit denen einige Walarten Informationen an Weibchen übermitteln. Sachdienliche Hinweise zu ihrer Größe, ihrer Kraft und ihren genauen Absichten zur Paarung. Und dass die Klopfgeräusche, die eher ein Echolot-Knacken sind, von Zahnwalen entsandt werden, um ihre Beute zu orten.

Zähes Geduldsspiel
14 Jahre lang musste der Meeresbiologe und Bioakustiker Oliver Boisseau die Ozeane befahren, bevor er zum ersten Mal einen der extrem seltenen Schnabelwale erspähen konnte. Boisseau promovierte an der Universität von Otago in Neuseeland und ist seit 2004 mit dem IFAW-Forschungssegler „Song of the Whale“ unterwegs.

Die Forschung auf diesem Gebiet ist also sehr jung. Aber nicht nur deswegen weiß man auch heute noch nur sehr wenig über Wale oder Delfine. Schuld sind die Wale selbst. Denn viele von ihnen lassen sich kaum blicken und tummeln sich lieber in den unerreichbaren Tiefen und Weiten der Ozeane. Relativ leicht zu finden sind die großen Bartenwale. „Wal, da bläst er!“, hieß es schon bei Moby Dick, dem fiktiven weißen Zahnwal. Und tatsächlich, wenn sie ausatmen, schießen sie eine riesige Wassersäule in die Luft, die Boisseau meilenweit erkennen kann. Ganz anders verhält es sich mit der geheimnisvollsten Gruppe der großen Meeressäuger. Die Schnabelwale machen etwa ein Viertel der rund 80 Arten umfassenden Familie der Wale aus. Dennoch wurden nur vier Arten von ihnen bislang untersucht, von der Existenz einiger anderer Schnabelwal-Arten weiß man nur durch Knochenfunde. Wie viele von ihnen mag es geben? Noch weiß die Wissenschaft keine Antwort – umso wichtiger ist es, in die Tiefe zu lauschen und daraus ein Puzzle an Erkenntnissen zusammenzufügen.

2008 hat auch Boisseau zum ersten Mal einen lebenden Schnabelwal gesehen, und da arbeitete er schon seit gut 14 Jahren in diesem Bereich. Denn als er 18 und mit der Schule fertig war, legte er ein Jahr Auszeit ein. Und weil sich sein Bruder mit afrikanischen Wildtieren beschäftigte, „wollte ich etwas machen, das ganz weit weg davon war“. Es wurden die Meeressäuger. Boisseau arbeitete in seinem Meeres-Volontariat auf Whale-Watching-Booten vor den Azoren, und er unterstützte amerikanische Doktoranden bei ihrer Forschungsarbeit. Immer ging es um Wale und Delfine. Bis heute haben ihn die Tiere nicht mehr losgelassen. Eine schwer zu vermittelnde Faszination, bedenkt man, dass er das Forschungsobjekt kaum einmal zu sehen bekommt. Heute leitet Boisseau, der längst seinen Doktortitel hat, selbst mehrmonatige Expeditionen. Es sind die wohl wichtigsten im Bereich der Walforschung. Ende März 2012 startete wieder eine von der Umweltschutzorganisation IFAW unterstützte Tour zu den Blau-, Finn- und Seiwalen des Atlantiks. Sie führt das Team in diesem Sommer über die Azoren, einen Hauptknotenpunkt für Walverkehr, an die amerikanische Ostküste zu den letzten Atlantischen Nordkapern, einer Glattwalart, und schließlich nach Island. Boisseau ist ein gelassener, ruhiger Typ. Recht jungenhaft wirkt er für einen Doktor der Meeresbiologie. Meist trägt er T-Shirt oder Kapuzenpulli, steht dann mit seinem Fernglas an Deck der „Song of the Whale“, oder aber er sitzt an LCD-Monitoren, auf denen sich grüne, blaue oder rote Kurven scheinbar willkürlich abzeichnen. Bei allem mit meditativer Ruhe und zäher Geduld. Ein markantes Accessoire trägt er meist auf dem Kopf. Der schwarze Sennheiser-Kopfhörer HD 280 Pro ist neben den Computern und dem Fernglas unentbehrlich für seine Arbeit. Außer ihrer unabdingbaren Qualität haben diese Kopfhörer den Vorteil, dass man überall auf der Welt Ersatzteile bekommt. Und dass sie sehr robust sind. „Wir arbeiten auf einem Schiff, das ist eine harte Arbeitsumgebung. Da schwappt Wasser rein, und es fällt auch mal was auf den Boden oder knallt gegen die Wand“, sagt Boisseau. Komplettiert wird die Ausrüstung von einem daumenstarken, 400 Meter langen Kabel. Dieses wird zu Wasser gelassen und hinter dem Forschungsschiff "Song of the Whale„ hergezogen. Am Ende befinden sich zwei Mikrofone, dazu ein Tiefen- und ein Richtungsmesser. Dieses sogenannte Hydrofon gibt es schon seit Jahrzehnten, und noch immer ist es das wichtigste Utensil, um Walgesänge zu lokalisieren. Boisseau nennt es “das Fenster in die Unterwasserwelt".

„Wal, da bläst er!“ – selten sind Wale so leicht zu finden wie dieser hier

„Wal, da bläst er!“ – selten sind Wale so leicht zu finden wie dieser hier

Die „Song of the Whale“ ist ein modernes 21-Meter-Boot, versehen mit Motor und Segeln und voll mit wissenschaftlichen Geräten. Der Rumpf ist meerblau, die Aufbauten samt Segeln leuchtend weiß. Die Arbeit hier ist immer eine Mischung aus Forschung und Umweltschutz. Auf ihren Touren belauschen die Meeresbiologen um Oliver Boisseau die Wale und fotografieren die weniger menschenscheuen Exemplare, etwa die Pottwale. Anhand ihrer charakteristischen Zeichnungen und Vernarbungen auf Kopf, Körper oder Schwanzflosse lassen sich die Tiere oft eindeutig identifizieren. So lässt sich beispielsweise beweisen, dass Wale, die vor den Azoren im Mittelatlantik gesichtet wurden, vor Kurzem vor der norwegischen Küste auftauchten. Und hat man diese Wanderungsbewegungen aufgezeichnet, folgt der Schritt von der Wissenschaft zum Tierschutz. Denn die Azorer, die das Whale-Watching als Touristenvergnügen aufbauen, finden es wenig charmant, wenn die Isländer ihre Attraktionen jagen und töten. Auch deshalb wird die „Song of the Whale“ im Spätsommer Richtung Island fahren, um dort für ein Walfangverbot zu werben. Mit dem Hinweis, dass sich mit Walen heutzutage auch ganz anders Geld verdienen lässt.

Die Expeditionen dienen auch dem Schutz der gefährdeten Finnwale

Die Expeditionen dienen auch dem Schutz der gefährdeten Finnwale

Für Tierschützer ist die oft sehr plakativ dargestellte, weil so grausame Jagd auf Wale ohnehin nur ein Problem von vielen. Viel stärker leiden Wale unter Lärm – ihre hochsensiblen Gehöre machen die Meeressäuger äußerst verwundbar. „Für einen Wal ist Lärm ähnlich irritierend, wie wenn man uns beim Lesen oder Autofahren ständig mit hellen Lichtblitzen blenden würde“, erklärt Boisseau. Der zunehmende Schiffsverkehr, der Lärm im Umfeld von Pipelines und Bohrplattformen, das seismische Untersuchen des Meeresbodens mit infernalisch lauten Schallkanonen, aber auch das in 80 Prozent der Weltmeere vom Militär genutzte Sonar, um den Meeresgrund abzutasten – all das stört die Wale. Sie leiden, sie verlieren die Orientierung, sie verlassen lärmgeplagt ihre angestammten Futter- und Paarungsgebiete. Und im schlimmsten Fall sterben sie daran. Bei gestrandeten Walen werden häufig Blutungen in Gehirn und Innenohr festgestellt, so sehr verletzt sie der Schall. „Es ist ein Drama, dass manche Arten schon ausgestorben sein könnten, bevor wir sie kennengelernt haben“, sagt Boisseau. Für die diesjährige Expedition hat sein Team noch ein besonderes Vorhaben. Durch moderne Software ist es möglich, auch Infraschall hörbar zu machen. Das ist der Bereich unter 20 Hertz, für den Menschen normalerweise unhörbar. Manche Tiere wie Giraffen oder Elefanten nutzen diese Frequenzen. Setzt man Menschen diesem Infraschall aus, so wirkt er sich nachweislich auf ihre Stimmung und Psyche aus. Manche Wale nutzen bis zu zehn Hertz tiefe Frequenzen, Finnwale liegen normalerweise bei 20 Hertz, Blauwale bei 16 Hertz. Diese Signale sind für Wale über große Distanzen hörbar. Über sehr große Distanzen. „Ein Laut, der vor der Küste Afrikas produziert wurde, kann theoretisch in der Karibik gehört werden“, schwärmt Boisseau. Die Virtuosen im Infraschallkonzert sind die männlichen Buckelwale. Nur ihnen gelingt es, in der Paarungszeit regelrechte Lieder aus verschiedenen Strophen zu singen, in denen neuesten Studien zufolge bis zu 622 Laute vorkommen. Dabei nutzen sie ein verblüffendes Frequenzspektrum von sieben bis 8.000 Hertz.

An Bord der „Song“ hingegen kann es öde werden. Tagelang nur blaues Wasser. Zu hören ist nichts, zu sehen erst recht nichts. Warten. Warten. Warten. Die Crew wechselt deshalb regelmäßig. Nur Boisseau bleibt. Und schaut. Und lauscht. Und wartet. Bis endlich geschieht, wovor es den Seeleuten einst so graute. Er hört ein Stöhnen, ein Hallen, manchmal auch ein Klopfen. Es ist der Gesang der Wale.

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